Archiv Newsletter No. 18
Juli 2026
Seit Ende Juni ist die Einzelausstellung and order von Annika Eriksson im Kunstverein München zu sehen. In Collagen, Dioramen und Bewegtbildarbeiten beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, Beobachten, Befehlen und Kümmern. Vor knapp 25 Jahren eröffnete Annika Eriksson zum ersten Mal eine Einzelpräsentation im Kunstverein. Eine solche Rückkehr ist in der jüngeren Geschichte des Kunstvereins eine Seltenheit. Seit den Ausstellungen von Ruth Kiener-Flamm 1975 und 1977 wurde keine Künstlerin erneut zu einer zweiten Einzelausstellung eingeladen. 2003 zeigte Annika Eriksson die Videoinstallation Arbeitswelt: ein Portrait von 55 Mitarbeiter*innen des Rückversicherungsunternehmens Swiss Re und der Büroarchitektur, in der sie arbeiteten. Arbeitswelt war Teil des mehrjährigen Formats Dispositiv Workshops (2002–2004), zu dem Künstler*innen eingeladen wurden, mit Gruppen und Institutionen in München zu kooperieren und die entstandenen Arbeiten innerhalb oder außerhalb des Kunstvereins zu präsentieren.[1]
Am Donnerstag, 16. Juli um 19:30 Uhr wurde Arbeitswelt in der Theatiner Filmkunst gezeigt, mit anschließendem Gespräch zwischen Annika Eriksson und der Kuratorin und Autorin Juliette Desorgues.
„Sicherheit wird hier großgeschrieben.“
Annika Erikssons Videoinstallation Arbeitswelt (2003)
„Meine Arbeiten sind häufig Portraits von Individuen, die Teil einer Gruppe sind, Menschen in kollektiven Situationen also, wie zum Beispiel an verschiedenen Arbeitsplätzen. Vor fast vier Jahren habe ich ein Video mit Angestellten des Moderna Museet in Stockholm aufgenommen. Das Video ist für viele der Mitarbeiter noch immer ein Ausgangspunkt für Diskussionen über den Arbeitsplatz und ihr Verhältnis bzw. ihre Rolle innerhalb der Institution/Firma. […]
In meinem Projekt mit Swiss Re möchte ich auf ähnliche Weise vorgehen: Ich hoffe, dass das Projekt auch hier als anregender Diskussionshintergrund für die Mitarbeiter funktionieren kann. Ich bin mir sicher, dass wir schon in wenigen Jahren das in dem Projekt entstandenen Material und die angeführten Meinungen mit anderen Augen betrachten werden.“[2]
Im Austausch mit der Assistenzkuratorin Tessa Praun beschreibt Annika Eriksson 2002 ihr Interesse an dem Portraitieren von Menschen in ihren Arbeitskontexten. Die Videos Staff at Moderna Museet (2000), Staff at Malmö Museer (2001) und Staff at the 25th Bienal de São Paulo (2002) beginnen mit der Aufnahme ein leeres Raumes.[3] Nach und nach treten Mitarbeiter*innen vor die Kamera. Sie stellen sich mit ihrem Namen und ihrer Position vor und suchen sich im Anschluss einen Platz im Raum. So entstehen Gruppenportraits, die einen inszenierten Blick auf die Teams der jeweiligen Institutionen eröffnen. Arbeitswelt wurde als umfangreicheres Projekt konzipiert, in dem nicht eine Gruppe, sondern Einzelpersonen portraitiert werden. Um die Angestellten von Swiss Re zu interviewen, verbrachte Annika Eriksson im Oktober 2002 mehrere Tage vor Ort. Sie bat die Mitarbeiter*innen, ihr ihren Lieblingsplatz im Gebäude zu zeigen, sich selbst und ihre Tätigkeiten vorzustellen sowie die Frage zu beantworten, welche Bedeutung der Begriff „Sicherheit“ für sie hat.[4]
Arbeitswelt versammelt die Perspektiven von 55 Mitarbeiter*innen, die in verschiedenen Positionen im Unternehmen tätig waren. Raumpflegerinnen, Manager*innen und Sicherheitsbeauftragte werden durch ihre Berichte sowohl in ihrer Rolle als Beschäftigte*r des Unternehmens als auch als Individuum mit persönlichen Einschätzungen, unterschiedlichen Klassenhintergründen und privaten Beziehungen sichtbar. Sie sprechen über die Architektur und die Arbeit vor Ort in München, thematisieren aber auch, wie aktuelle globalpolitische Ereignisse wie die Terroranschläge am 11. September 2001 in New York City und am 12. Oktober 2002 auf Bali ihr persönliches Sicherheitsempfinden beeinflussen.
Das Bürogebäude, eine Stahl-Glas-Konstruktion des Architekturbüro BRT (Bothe Richter Teherani Architekten), und der Garten der Landschaftsarchitektin Martha Schwartz wurden erst ein knappes Jahr zuvor fertiggestellt, sodass die Mitarbeiter*innen in einer für sie relativ neuen Umgebung interviewt wurden.[5] Auch die Struktur des Unternehmens hatte sich kurz zuvor verändert: 2001 wurde die Bayerische Rück in die Swiss Re eingegliedert, eines der weltweit größten Rückversicherungsunternehmen.[6] Die Angestellten waren Anfang der 2000er Jahre also sowohl mit dem Wechsel von einem lokalen zu einem globalen Arbeitgeber als auch mit der Veränderung der Arbeitsumgebung konfrontiert. Die daraus resultierenden Verunsicherungen wissen viele während der Interviews hinter einem professionellen Lächeln zu verbergen und äußern sich dabei oftmals positiv über die Architektur. „Ich habe eigentlich keinen Lieblingsort in diesem Gebäude. Es ist insgesamt faszinierend, egal wo man sich gerade befindet”[7], sagt ein Personalmanager. Ein paar wenige Mitarbeiter*innen formulieren allerdings auch Kritik: „Man kann sich nirgendwo zurückziehen, nirgendwo ganz man selbst sein“, sagt einer und ein anderer vergleicht das Gebäude mit einem Hochsicherheitstrakt in einem Gefängnis. Dass das Gefühl, überwacht zu werden, nicht nur aus der durchlässigen Architektur resultiert, sondern eine technologische Grundlage hat, wird in dem Interview mit dem Gebäudemanager deutlich: „Wir werfen nun einen Blick auf die Gebäudeleittechnik. Hier sehen Sie praktisch alle Bewegungen, alle Temperaturen und alle technisch relevanten Details des Gebäudes. Sie können sehen, wer das Gebäude betritt, wer ein Fenster öffnet oder schließt und ob die Klimaanlage eingeschaltet ist oder nicht. Diese Leittechnik bietet Ihnen einen umfassenden Überblick. Sicherheit wird hier großgeschrieben.“[8] Im Plauderton eröffnet eine Mitarbeiterin eine andere Perspektive auf die Frage, welche Bedeutung der Begriff „Sicherheit“ für sie hat: „Absolute Sicherheit gibt es nicht. Und genau das ist unsere Aufgabe, wir beschäftigen uns hier mit Risiken, und genau das macht die Arbeit hier so spannend. Denn Risiken gibt es überall. Es tauchen ständig neue Risiken auf – sonst wären wir alle arbeitslos. Sicherheit ist also nicht unbedingt das Beste für uns.“[9]
Etwa ein Jahr nach dem Dreh, vom 11. bis 23. Oktober 2003, wurde Arbeitswelt im Kunstverein München sowie in einem Aufenthaltsraum in dem Bürogebäude von Swiss Re gezeigt.[10] Im Kunstverein war eine Drei-Kanal-Video-Installation als Loop im Ausstellungsraum zu sehen. Zwei Projektionen zeigten die Interviews, die andere Aufnahmen der Architektur. Im Gebäude von Swiss Re wurden die Interviews in einem Aufenthaltsraum auf einem Monitor gezeigt. Arbeitswelt wurde von Swiss Re nicht für die firmeneigene Kunstsammlung angekauft.[11]
In einer Review zur Ausstellung geht der Kunstkritiker Frans-Josef Petersson auf die gesellschaftliche und politische Dimension von Arbeitswelt ein: „Erikssons Arbeit bezieht ihre Faszination aus einer Art alltäglicher Identifikation“, schreibt er. „Während dieser alltägliche ‚Realismus‘ subtile, manchmal fast unsichtbare Zeichen von Hierarchien und Machtverhältnissen in einem bestimmten Kontext offenlegt, kann er gleichzeitig auch als Untersuchung der politischen Konsequenzen dieser Verhältnisse im weiteren Sinne verstanden werden.“[12] Dass die Veränderung des Unternehmens und der Arbeitsumgebung der Mitarbeiter*innen vor Ort von der Konzernspitze ausging, von einer „unsichtbaren Macht“[13] wie Petersson schreibt, ist der zentrale Subtext vieler Interviews. Arbeitswelt ist somit sowohl ein Portrait der Beschäftigten als auch eine Dokumentation eines Arbeitsortes an einem historischen Wendepunkt. Anstatt sich auf die sichtbaren Zeichen einer neuen Unternehmensordnung zu konzentrieren, beobachtet Eriksson mit einem gewissen bitteren Beigeschmack die schwer fassbaren Wege, auf denen dieser Wandel den Alltag beeinflusst und sich in Sprache, Gewohnheiten, Unsicherheit und den Rhythmen der Arbeit selbst niederschlägt.
Text: Leona Koldehoff
Lektorat: Tom Engels
Korrektorat: Senta Gallant
Leona Koldehoff ist seit 2025 Archivarin am Kunstverein München. Bei Fragen zum Archiv schreiben Sie gern an leona@kunstverein-muenchen.de.
Fußnoten
[1] Insgesamt fanden in der Zeit von 2002 bis 2004 sechs Dispositiv Workshops mit den Künstler*innen und Kollektiven Oda Projesi, Katya Sander, Ruth Kaaserer und Rikrit Tiravanija sowie das Colloquium on Collaborative Practices mit B+B (Sarah Carrington, Sophie Hope), D.A.E. (Donostiako Arte Ekinbideak: Peio Aguirre, Leire Vergara), Donosria-San Sebastián Freie Klasse (Hermann Hiller, Rail liomann), Haus Selba (Freie Klasse UdK, Johannes Raether), KMKK (Róza El-Hassan, Emese Süvecz), Konst2 (Rodrigo Mallea Lira, Ylva Ogland, Jelena Rundquist),Transformers (Doris Mampe, Kim Nekarda), Version (Ciprian Muresais) und Cluj Napoca xurban (Hakan Topal) statt. Siehe: „The Dispositive Workshop Series“. In: Maria Lind, Søren Grammel, Katharina Schlieben, Judith Schwarzbart, Ana Paula Cohen, Julienne Lorz, Tessa Praun (Hg.), Spring Fall 02 04. Gesammelte Drucksachen. Collected Newsletters, München 2004, S. 210.
[2] E-Mail von Annika Eriksson an Tessa Praun, 24. September 2002, Archiv Kunstverein München e.V., Signatur: KM-KOE-188.
[3] Staff at São Paulo Bienal (2002) wurde im Rahmen der Reihe Es ist schwer das Reale zu berühren im Herbst 2002 im Kunstverein München gezeigt. Siehe: Søren Grammel, „Es ist schwer das Reale zu berühren“, in: Maria Lind u.a. 2004, S. 120–121.
[4] Fax an die Mitarbeiter*innen von Swiss Re, 2. Oktober 2002, Archiv Kunstverein München e.V., Signatur: KM-KOE-188.
[5] „Hinter schwebenden Hecken. Eröffnung des ‚Swiss-Re‘-Gebäudes in München“, unter: https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen_Eroeffnung_des_Swiss-Re_-Gebaeudes_in_Muenchen_10491.html (abgerufen 16. April 2026).
[6] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Bayerische_Rückversicherung (abgerufen 26. Juni 2026). Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Swiss_Re (abgerufen 26. Juni 2026).
[7] Transkription des Interviews mit Mathias Boeck, in: Sara Arrhenius, Friedrich Meschede (Hg.), Works by Annika Eriksson, Frankfurt/Main 2005, S. 66.
[8] Transkription des Interviews mit Peter Kreuzeder, in: Arrhenius/Meschede 2005, S. 66.
[9] Transkription des Interviews mit Monika Selmeier, in: Arrhenius/Meschede 2005, S. 68.
[10] Pressetext zu Arbeitswelt, Archiv Kunstverein München e.V., Signatur: KM-KOE-200a.
[11] Aussage von Annika Eriksson im Gespräch mit Tom Engels im Juni 2026.
[12] Frans-Josef Petersson, “How safe is safe enough?”, in: NU-E magazine #3, 25, Februar 2004, Archiv Kunstverein München e.V., Signatur: KOE-KUN-200a.
[13] Ebd.
Abbildungen
[1-8] Filmstills: Annika Eriksson, Arbeitswelt, 2003. Courtesy der Künstlerin und / the artist and Kunstverein München e.V.