Arbeit mit dem Archiv und der Geschichte der Institution
Die kontinuierliche Archivarbeit ist eine relativ junge Fokussetzung im Kunstverein München. Zunächst gaben lediglich Jubiläen Anlass, den Blick auf die eigene Geschichte zu richten. Auch Telling Histories, eine 2003 zum 180-jährigen Bestehen von Maria Lind und Søren Grammel initiierte Ausstellung, verortete sich in dieser Kontinuität. Nachdem Alexander Wagner ab 2016 zunächst als erster Mitarbeiter mit der Verwaltung von Archivmaterial betraut wurde, wurde der Ausbau dieser Stelle durch eine Spende des Vorstandsmitgliedes Martina Fuchs ermöglicht. Das große Interesse des damaligen Direktors Chris Fritzpatrick an der archivarischen Arbeit des Kunstvereins setzte dazu entscheidende Impulse. 2017 bis 2019 war Theresa Bauernfeind für das Kunstvereinsarchiv verantwortlich und legte einen Großteil seiner aktuellen Verwaltungsstruktur an.
Unter der Direktorin Maurin Dietrich und der Kuratorin Gloria Hasnay fand in Vorbereitung auf das 200-jährige Jubiläum ab 2019 eine Fokussetzung auf das Archiv statt. Diese manifestierte sich sowohl strukturell, in etwa der kontinuierlichen Digitalisierung und Beschaffung von Archivalien sowie programmatisch in Ausstellungen wie The Archive As … (2023) und Veranstaltungsformate wie Agentur der Dokumente (2024).
Von 2020 bis 2025 war der von Julian Göthe entworfene Archivraum fester Bestandteil des Kunstverein München. In Vorbereitung des 200-jährigen Jubiläum der Institution gab der Raum der Verhandlung und Aufbewahrung Geschichte der Institution einen konkreten Ort. Der Archivraum war ein zentraler Raum für öffentliche Formate, die in Kooperation mit Archivar*innen, Historiker*innen und Künstler*innen konzipiert wurden und mit denen sich der Kunstverein einer kritischen Reflexion der eigenen Geschichte und ihren Leerstellen unterzog. Die Zusammenführung von Aufbewahrungs- und Veranstaltungsort erlaubte eine genaue Untersuchung des Auftrags und der Dringlichkeit der Institutionsform im historischen Kontext. Darüber hinaus wurde jede Ausstellung durch die Präsentation von themenverwandten Materialien im Archivraum begleitet.
Außerdem wurde ab 2020 eine eigene Archivar*innenstelle geschaffen. Diese Stelle wurde von 2020 bis 2022 von Adrian Djukić und von 2022 bis 2024 von Johanna Klingler und Jonas von Lenthe besetzt. Seit 2025 wird das Archiv des Kunstverein München von Leona Koldehoff geleitet.
Vertiefende Einblicke in die Archivarbeit des Kunstvereins in den letzten Jahren bieten das Gespräch The Archive as ... a Recording Device zwischen Doreen Mende, Maurin Dietrich und Gloria Hasnay sowie der Text Entstehung und Methodik des Archivs des Kunstverein München von Johanna Klingler und Jonas von Lenthe im Jubiläumskatalog FOR NOW. 200 Jahre Kunstverein München (2023).
Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Strukturen innerhalb des Kunstvereins in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete einen wichtigen Schwerpunkt der Archivarbeit. Während die Institutionsgeschichte im 19. Jahrhundert relativ dicht übermittelt ist, liegt im Archiv des Kunstverein München zwischen 1907 und 1969 nur wenig Material vor. Die Grundlage für die Erschließung der Geschichte während der NS-Zeit bildete deshalb weitestgehend Dokumente aus anderen Archiven. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung der Künstlerin Bea Schlingelhoff mit der Vereinsstruktur und NS-Geschichte des Kunstvereins im Zuge ihrer Einzelausstellung No River to Cross (2021). Einen weiteren wichtigen Schritt im Aufarbeitungsprozess stellt der Text des Kunsthistorikers Christian Fuhrmeister mit dem Titel Der Kunstverein München im Nationalsozialismus. Was fragen, wie forschen? (2023) dar, der ebenfalls in der Jubiläumspublikation FOR NOW. 200 Jahre Kunstverein München erschienen ist. Leona Koldehoff setze sich in dem Archivnewsletter Kunst und Kontinuitäten im Kunstverein München um 1950 mit dem Fortbestehen künstlerischer und sozialer Netzwerke über den Wechsel der politischen Systeme hinweg und dem Ausstellungsprogramm in der Nachkriegszeit auseinander.
Unter dem Reiter Programm findet sich zudem eine Chronik bisheriger Ausstellungen seit der Gründung der Institution, die kontinuierlich ergänzt wird.